Hanne Baar - Ein Kurzportrait

Ein Interview von Werner May (Ignis)

erschienen am 31.05.2012 im „The EMCAPP Journal“ (Seite 109-113), bearbeitet und herausgegeben von Werner May

1968 die frisch gebackene Diplompsychologin
1968 die frisch gebackene Diplompsychologin

Kindheit und Kriegsjahre

Hanne vor dem Krieg
Hanne vor dem Krieg

Zurück in meine Kindheit. Ein wichtiger Wendepunkt war das Jahr 1945. Drei lebensverändernde Ereignisse trafen für mich, der damals Siebenjährigen, zusammen: Das Kriegsende in Trümmern und Armut, die Geburt von Zwillingsschwestern und die Rückkehr meiner Familie aus einem lieblichen Dorf in Sachsen, wohin die Familie im Krieg evakuiert worden war, in das Industriegebiet eines Vorortes von Düsseldorf.

Ausbildung und Studium der Psychologie

Hanne (Mitte) 1978 als Leiterin einer Erziehungsberatung mit ihrem Team
Hanne (Mitte) 1978 als Leiterin einer Erziehungsberatung mit ihrem Team

Ich war als Älteste ganz gefordert. Mein Vater war noch in Kriegsgefangenschaft. Mit der gleichen Disziplin betrieb ich dann auch meine berufliche Entwicklung.
Nach der Schule folgten Drogistenlehre und Drogistentätigkeit. Danach besuchte ich (bei gleichzeitiger Berufstätigkeit) das Abendgymnasium der Stadt Düsseldorf, um nach Abitur und Studium der Psychologie zuerst eine Lehrtätigkeit an Fachschulen für Sozialpädagogik und danach Aufbau und Leitung einer kommunalen psychologischen Beratungsstelle zu übernehmen. Von 1968 bis 1982 waren das die wichtigsten hauptberuflichen Tätigkeiten nach dem Studium. Gleichzeitig nahm ich an psychologischer Fortbildung alles wahr, was sich mir damals anbot.

 

Besonders angefreundet habe ich mich mit der Gestalttherapie nach Perls, mit Hilfe derer man den Motiven, die uns treiben ("auf Stühlen") so zum Ausdruck verhelfen kann, dass sie bewusst, überprüf- und korrigierbar werden.

Plötzlich Christin

So zu arbeiten kam der Gewissenserforschung nahe, die ich als Kind, katholisch erzogen, im Beichtunterricht ernst zu nehmen gelernt hatte und bereitete dem nächsten Wendepunkt meines Lebens den Weg: einem Bekehrungserlebnis im Jahr 1974 in einem Gottesdienst der Düsseldorfer Jesus-People, den ich zunächst studienhalber besucht hatte. Ich fühlte mich wie der verlorene Sohn, der nach Hause zurückkehrt und sich in den Armen des Vaters erholt.

Nicht lange danach fühlte ich die Frage im mir: „Wärst du bereit, dich auch anderen gegenüber zu deinen neuen Erfahrungen mit Gott zu stellen? Zum Beispiel bei deinen Kollegen in der psychologischen Beratungsstelle?“ Mir wurde heiß und kalt. Ich stellte mir vor, wie ich erzählen werde von meiner Bekehrung in einer ausgedienten Lagerhalle auf einem Fabrikgelände, unter ehemaligen Drogensüchtigen und Ausgeflippten und wie die Kollegen lachen und den Kopf schütteln würden. – Aber ein Zurück gab es ja nicht. Gott war mir in diesem Rahmen begegnet. Ihm war dieser Rahmen nicht zu gering. Wer war ich, dazu nicht stehen zu wollen!

 

Als ich mich entschloss, gegenüber meinen Kollegen ganz offen zu sein, was meine neuen Erfahrungen betraf, die vermeintliche Peinlichkeit auf mich zu nehmen, fürchtete ich einen Moment lang, vor Scham zu vergehen. Für wenige Sekunden, vielleicht Minuten, ging ich durch die Hölle. Dann atmete ich auf, und die Angst vor Blamage war verschwunden. Als ich den Gedanken, vor Scham zu vergehen, zugestimmt hatte, verging nicht ich, sondern die Scham. Ich erlebte ein Grundprinzip meines weiteren Lebens: „Man stirbt nicht vor Angst, wenn man sie aus Gewissensgründen auszuhalten bereit ist. Es ist die Angst, die dann stirbt.“ In dem Fall war es, als sei sie im Feuer eines kurzen, heftigen Schmerzes verbrannt.

In meinem wissenschaftlich geprägten Weltbild hatte Gott zwar bereits seinen Platz gehabt, aber er stand sehr weit hinter den Dingen und nahm, wenn überhaupt, nur ganz anonym und über die Naturgesetze Einfluss auf das Weltgeschehen. Nach wie vor machte ich mir immer noch mehr psychologische als theologische Gedanken und wollte das zunächst auch so. Bald gab es aber nichts, was nicht neu zu überdenken gewesen wäre. In meinen Tagebüchern suchte ich unter dem Druck eigener Krisen nach einer Sprache und Begrifflichkeit, die biblisches und psychologisches Denken auf einen Nenner bringen konnte.

 

An Krisen fehlte es nicht: Ich bin heute aus zwei Ehen geschieden, die erste hielt sieben, die zweite 24 Jahre. Aus diesen beiden Ehen sind drei Söhne geboren, einer davon beging im Jahr 1988 im Alter von 24 Jahren Selbstmord. Ich selbst durchlebte 1994 eine erste und danach noch zwei weitere Brustkrebsoperationen. (Inzwischen ist diese Erkrankung Gott sei Dank Vergangenheit.)


Im Jahr 1988 folgten wir als Familie einer Berufung in den Süden Deutschlands (nach Freiburg), um dort im Rahmen von Teen Challenge psychisch Kranke zu betreuen. 1990 bot sich meinem Mann Bodo eine Anstellung bei IGNIS an (IGNIS, Deutsche Gesellschaft für Christliche Psychologie), was wir wieder als Berufung ansahen und was einen erneuten Umzug nach sich zog.

Vom Alltag zur Autorin

Meine Haupttätigkeit neben Haushalt und Kindererziehung und gelegentlicher Beratung war inzwischen das Schreiben geworden (Artikel, Bücher, Vorträge). Durch die Vermittlung des bekannten Theologen Karl Rahner, dem ich nach meiner Bekehrung Zeugnis gegeben hatte (erst schriftlich, dann auch mündlich), waren im Verlag Herder zwei Bücher von mir erschienen, "Kommt, sagt es allen weiter. Eine Christin berichtet über charismatische Erfahrungen" mit einem Nachwort von Karl Rahner und "Quälgeist Eifersucht" mit einem Nachwort von Karl-Herbert Mandel. Diesen Veröffentlichungen folgten schließlich im HYMNUS-Verlag, den ich 1994 gründete, noch weitere Bücher, Titel wie: "Die Namen meiner Feinde", "Wie man wahnsinnig werden kann", "Vom Oje zum Aha", "Gottesverwechslung" und andere.

Die Bücher sind allesamt entstanden im Ertasten einer Antwort auf die Frage, wieso wir, obwohl Christen, oft immer noch so gequält sein können. Wo ist der Haken, wo sitzen wir fest? Was sollen wir lernen? Wo liegen die Irrtümer, die uns binden?

 

Was mich am meisten freut, ist die Tatsache, dass es möglich ist, sich über innerlich Erlebtes auszutauschen und dass die, die das tun, in ihrer Deutung der Zusammenhänge so erstaunlich übereinstimmen. Einer sagt: So erlebe ich das und das. Und der andere freut sich, stimmt zu und antwortet: Genau, du hast in Worte gebracht, was ich auch sehe. Und so schreibe ich für die, die vorsichtig mitgehen mit meinen Gedanken und sich prüfen: Was sagt mir das, was ich da lese? Meine Absicht ist also, "geistlich Gesinnten Geistliches geistlich zu deuten" (oder sie in ihrer eigenen Deutung seelisch-geistlicher Zusammenhänge zu bestätigen).

Die Entzerrung des Weltbildes

Besonders geprägt ist mein Schreiben und Lehren von den Gedanken des Österreichers Wilfried Daim ("Umwertung der Psychoanalyse", Wien 1951 und "Tiefenpsychologie und Erlösung", Wien 1954), der seinerseits an Kierkegaard anknüpft.

 

Daim erklärt die menschlichen Inadäquationen tiefenpsychologisch so, dass durch unsere frühen Alles-nur-das-nicht-Schwüre eine konkrete Angst ins Zentrum des Seelenlebens gerät, genau dahin, genau auf den Platz, der allein Gott gebührt. Daim legt dar, dass das, was uns kränkt und krank macht, immer darauf hinweist, dass sich der Mensch, zunächst meist unbewusst, angstvoll auf etwas fixiert hat, was nicht Gott ist, und wodurch seine Innenwelt ein falsches Zentrum bekommt.

Die beiden nachfolgenden Grafiken aus Wilfried Daims "Umwertung der Psychoanalyse" (Wien 1951) zeigen, was diese Angst anrichtet, wenn sie einen Wert kaum bewusst mit absoluter Selbstverständlichkeit zur Hauptsache des Lebens erhebt. Der Ausweg aus der Übermacht solcher Fixierungen (Komplexe und inneren Schwüre) ist der umgekehrte Vorgang, ein tapferes, unbeirrbares "Ja" zu Gottes Willen, ein "Selbst dann" auch in Krisen und Enttäuschungen, konkret, bewusst und ausdrücklich.

Elipse nach Daim
Elipse nach Daim

Die Ellipse in Daims Grafik symbolisiert die Geschlossenheit eines Weltbildes, in dem nicht Gott im Zentrum steht. Es entsteht ein scheinbarer Vorteil für die Person: Ihr "Gott" wird greifbar. Der Nachteil ist die Verzerrung, ein verzerrtes Bild der Realität. Der falsche Gott gibt zuerst, dann jedoch nimmt er mehr als er gibt, am Ende nimmt er alles. Die Verzweiflung bleibt nicht aus und führt uns, wenn es gut geht, nach und nach wieder zurück dahin, wo alles seinen rechten Platz hat.

Parabel nach Daim
Parabel nach Daim

Dagegen ist die innere Lebenswelt desjenigen Menschen, der Gott an seinem Platz lässt, wie eine Parabel, weit und offen. Der Horizont des Menschen kann sich immer mehr ausdehnen. Der Mensch, die Person ist im Brennpunkt, empfängt das Licht von Gott her, und alle Dinge spiegeln ihr die Schönheit, die Größe und die Ordnungen Gottes wieder, weisen auf ihn hin. Die Dinge der Welt, die Gegenstände unseres Lebens, befinden sich an dem ihnen angemessenen Platz und erscheinen im rechten Licht, werden also als das erkannt, was sie sind. Und: Der Mensch wirkt in angemessener Weise auf die Welt ein.

Hanne Baar heute

In mehreren Veröffentlichungen habe ich Texte von Sören Kierkegaard (1813-1855) für Jugendliche überarbeitet (leichter lesbar gemacht). Seinen Gedanken aus „Der Liebe Tun, Band I“ kann ich aus ganzem Herzen zustimmen:

„An Liebe glauben beinhaltet das Risiko, betrogen zu werden.
An Liebe glauben und betrogen zu werden, ist aber besser,
als aus Angst davor, betrogen zu werden, nicht mehr an die Liebe zu glauben.
Erst dann wäre man wirklich betrogen.“